Ausbildung zur SpielgruppenleiterIn: Konzept

Allgemeine Bemerkungen
Die Familiensituation in der Schweiz befindet sich heute in tiefgreifenden Veränderungen. Die ehemaligen Familienstrukturen lösen sich auf. Das Auffangnetz der Verwandtschaft im Umkreis einer Familie ist oft räumlich auseinandergerissen oder wegen Individualisierungsprozessen nicht mehr tragfähig. In immer mehr Familien sind beide Elternteile berufstätig, entweder weil sie dies aus wirtschaftlichen Gründen müssen oder aus persönlichen Gründen wollen. Über 40% der Ehen sind geschieden, sodass ein Grossteil der Eltern alleinerziehend sind. Frauen wollen die Erziehungsarbeit nicht mehr alleine leisten, sondern wünschen sich Kontakte und pädagogischen Austausch. Die meisten Familien haben nur ein oder zwei Kinder und suchen deshalb Kontakte zu anderen Familien. All diese Gründe haben dazu geführt, dass der Ruf nach familienergänzender Betreuung immer wichtiger geworden ist. Spielgruppen geben Gelegenheit, um zu anderen Familien und Kindern Kontakt zu finden. Sie schaffen Raum für das freie Spiel von Kindern, sozialen Begegnungen und Gelegenheit zu Austausch und Beratung unter den Erziehenden.

Die Entwicklungssituation des Kindes
Im Alter von ca. 2 ½ Jahren beginnt für das Kind eine neue Entwicklungsphase. Bis zu diesem Zeitpunkt hat es sich intensiv jenen Prozessen gewidmet, die es aus seiner völligen Abhängigkeit befreien: dem Sich aufrichten, Gehen- und Sprechenlernen. Jetzt beginnt das Kind zu denken und Begriffe zu lernen. Bislang genügte ihm das Spiel im nächsten räumlichen Umkreis der Familie und die Entdeckung der eigenen Sinnes-, Erlebnis-und Bewegungsmöglichkeiten. Indem das Kind sich nun freier bewegen und ausdrücken kann, löst es sich aus der nächsten Umgebung und von den vertrauten, ständigen Bezugspersonen. Es begibt sich in einen erweiterten Umkreis. Das Kind stellt sich jetzt als "Ich" bewusster in die Welt und begegnet ihr "hier bin ich - spürst du mich"? Gern zeigen sich diese neuen Berührungspunkte mit der Welt als Trotzphase. Dies ist der Zeitpunkt, an dem das Kind offen ist für neue soziale Begegnungen und kreative und sprachliche Inputs. Auch das Spiel verändert sich: Die Phantasie erwacht und das Kind kann und will alles aus allem machen. Es verbindet sein Erleben intensiver mit dem Tun und bleibt länger dabei. Das Spiel vertieft sich. Diese Altersstufe braucht reiche Anregung. Alle Sinne sollen durch das Spiel angesprochen und der Bewegungsraum dazu bereitgestellt werden. Jetzt ist das Kind im Spielgruppenalter.

Pädagogische Schwerpunkte
In der heutigen medien-und technikbetonten Gesellschaft ist es wichtig, durch die Erziehung Ausgleich zu schaffen. Die Bezugspersonen für die Kinder sollen deshalb konstant sein. Sie sollen Ruhe ausstrahlen und dem Kind das Gefühl vermitteln, Zeit zu haben. Dies geschieht u.a. durch rhythmisches und sich wiederholendes Geschehen. Auch soll bewusste Pflege nachahmenswerter, lebendiger Aktivitäten, die im Alltag heute an Bedeutung verlieren, Raum haben (kochen, backen, bügeln, nähen, waschen, putzen, schnitzen, filzen etc.).Die Pflege der Sinne durch den Umgang mit den elementaren Substanzen Erde, Wasser, Luft und Feuer, Spiel und Bewegung sowie rhythmische, sprachfördernde Sequenzen bestimmen die Spielgruppenzeit. Der Kontakt und die Zusammenarbeit mit den Eltern bilden die Vertrauensgrundlage für die Erziehung.

Aufbau der Ausbildung: Neun Intensivwochenenden
Während an acht Wochenenden Sprache, Gesang und Bewegungsformen als Grundlage für die Spielgruppenarbeit künstlerisch geübt werden, behandelt jedes einzelne Wochenende einen spezifischen, pädagogischen Schwerpunkt. Es steht dann jeweils ein Element (Erde, Wasser, Luft, Feuer) im Mittelpunkt aller, auch der künstlerischen, Fächer, um die speziell damit verbundenen Sinneserlebnisse zu steigern und für den Umgang damit im pädagogischen Alltag lebendig werden zu lassen.

Erde
Methodisch-didaktischer Umgang mit dem Element Erde im Spielgruppenalltag (Aktivitäten, Bewegungselemente, Wahrnehmungsübungen).
Pädagogischer Schwerpunkt: Entwicklung des Kindes von der Geburt bis zum Schuleintritt: körperliche und seelisch/geistige Entwicklung (Gehen, Sprechen, Denken). Hinweise zur Bewegungsentwicklung aufgrund der Forschungsarbeit von R. Largo und E. Pikler.

Wasser
Methodisch-didaktischer Umgang mit dem Element Wasser im Spielgruppenalltag (Aktivitäten, Bewegungselemente, Wahrnehmungsübungen).
Pädagogischer Schwerpunkt: Fortsetzung der Arbeit an der Entwicklung des Kindes: Zusammenfassender Überblick über die Sinneslehre Rudolph Steiners. Sinnesentwicklung und –pflege. Kinderbeobachtung. Beobachtung der Entwicklungsschritte des Kindes anhand von Kinderzeichnungen.

Luft
Methodisch-didaktischer Umgang mit dem Element Luft im Spielgruppenalltag (Aktivitäten, Bewegungselemente, Wahrnehmungsübungen).
Pädagogischer Schwerpunkt: Elternarbeit als Voraussetzung für die gesamte Spielgruppentätigkeit (Gestaltung der Elternabende, Elterngespräche, Beratung, Einbezug der Eltern, Konflikte). Verhaltens- und Beziehungsformen zwischen Kind und Erziehenden (Vorbild, Nachahmung ...). Hinweise zum Umgang mit und Pflege bei Kinderkrankheiten; Impfen.

Feuer
Methodisch-didaktischer Umgang mit dem Element Feuer im Spielgruppenalltag (Aktivitäten, Bewegungselemente, Wahrnehmungsübungen).
Pädagogischer Schwerpunkt: Persönlichkeitsentwicklung derErziehenden (u.a. seelisch-geistige Schulung; Planung der Arbeit, Rhythmen im Alltag). Qualitätsfragen. Aufbau einer Spielgruppe (Öffentlichkeitsarbeit, Raumsuche, finanzielle und rechtliche Fragen). Kollegiale Zusammenarbeitsstrukturen; Weiterbildungsmöglichkeiten.

Mischung der vier Elemente
Pädagogischer Schwerpunkt: Zusammenfassung der vier Elemente und Vergleich mit den vier Jahreszeiten, den Grundfarben und den vier Temperamenten. Überblick über die Elementarwesen. Methodisch-didaktischer Umgang mit der Spielentwicklung in den verschiedenen Stufen der ersten sieben Jahre. Gestaltung und Einrichtung von Raum und Spielzeug aussen und innen. Umgang mit Temperamenten und Erziehungsstilen in der pädagogischen Begleitung der Kinder. Umgang mit Verhaltensoriginalitäten und Eigenheiten wie Trotz, Aggression, ADHD, Loslösung von den Eltern etc.

Ein Vertiefungswochenende Sprachentwicklung/ -förderung, sowie Bindung und Entwicklung im Frühbereich
Entwicklungsschritte des Kindes beim Sprachlernen. Darstellung von defizitärer Entwicklung. Spezifische Förderung der Kinder im Spielgruppenalter. Bindungsaufbau: Ansätze Emmi Pikler, Magda Gerber, Karl-Heinz Brisch.

Eine Intensivwoche plus ein Wochenende
Der Jahreskreislauf mit den vier Jahreszeiten und den Jahresfesten: Religiöse Hintergründe zu den Festeszeiten und praktische Hinweise zu ihrer Gestaltung. Erüben einfacher Puppentheaterspiele und Herstellung von Spielfiguren.

Praxisauswertung und Abschluss der Ausbildung
Zum Abschluss wird von den Teilnehmenden eine individuelle Darstellung eines für den Spielgruppenalltag wichtigen Themas (Puppentheaterspiel, Bewegungsspiel, Fingergeschichte, Kinderbeobachtung, bewegliches Bilderbuch) mit einer schriftlichen Prozessbeschreibung sowie pädagogischer Reflektion gegeben. Während der Ausbildung wird Coaching zur Selbstreflektion und Standortbestimmung angeboten.